Mein Regenbogenarmband – #TMIishTuesday #74

Seit geraumer Zeit bin ich Besitzer eines Regenbogenarmbands – und trage es hin und wieder. Was es für mich bedeutet und wo ich es trage – und wo nicht – diese Woche im #TMIishTuesday.

Hey there mighty people of the internet,

und willkommen zur 74. Ausgabe von #TMIishTuesday!

Die vergangene Woche? Sehr gut! Zwei neue, junge Gesichter auf der Arbeit – ein Praktikant und eine Azubi – und dementsprechend etwas frischer Wind. Und ich darf die Azubi einarbeiten. Macht sehr viel Spaß!
Und heute war mein erster Schultag seit 7 Wochen. Wir haben plötzlich keine Klasse von 16 mehr, sondern eine von 24. Eh… Nicht cool!? Und nur ein Tüp dabei. Und der ist 17. Naja, auf den ersten Blick zumindest nett. 😀
Noch eben drei Worte zu Jens Riewa, das ich eigentlich schon letzte Woche hätte loswerden wollen: “W T F“? Ich mein: Ja, ich verstehe, dass es ihn ärgert, wenn über seine Sexualität spekuliert wird. Hat mich ja auch geärgert. Aber als Person des öffentlichen Lebens – und das ist ein Tagesschau-Sprecher – sollte man darüber stehen können.
Ich verstehe auch, dass er sich dagegen wehrt, wenn Medien seine sexuelle Orientierung als Fakt darstellen – und dies offenbar nicht der Wahrheit entspricht. Aber mir erschließt sich nicht, wie jemand auf die Idee kommen kann, eine simple Berichterstattung über eine Sendung von Böhmermann mit Riewas Kollegen Ingo Zamperoni zu verbieten. Hier wurden keine wilde Spekulationen angefertigt, sondern lediglich die Lage beschrieben. Ja, queer.de erwähnt auch, dass im Focus und anderswo schon länger spekuliert wird. Aber da in keiner Weise eigene oder zusätzliche Gerüchte gestreut werden, finde ich diese einstweilige Verfügung absolut überzogen und unangebracht. Auch und gerade weil Riewa nun mal ein Promi ist.
Aber das ist schon wieder viel zu viel über eine Randnotiz. Ich wollte heute eigentlich ein anderes Thema behandeln… Ehm… Weiter im Text.

// Letzte Woche habe ich die Situation von transidenten Personen bei der deutschen Bundeswehr beleuchtet – und war positiv überrascht. Ich habe gehört, ein Klick darauf macht glücklich. Garantiert. //

Und während ich mit der Bundeswehr ungefähr so viel zu tun habe, wie Bibi mit ehrlichen Videos (hier das Meme der feiernden Typen einblenden), gibt es etwas mit dem ich mehr und mehr zu tun habe. Das mehr und mehr Teil meiner Identität wird. Das mich mehr und mehr mit Stolz erfüllt: Meine Homosexualität. Ich bin sozusagen das krasse Gegenteil von Herrn Riewa. Und ein Teil dieser Identität trage ich mehr und mehr in Form eines Armbandes bei mir. Aber wie kam es dazu und warum bedeutet mir dieser Regenbogen an meinem Handgelenk so viel?

Ich fange mal ganz vorne an. Wir schreiben das Jahr 2011. Ich war gerade bei seinen Eltern ausgezogen und hatte angefangen zu studieren. Wohnort: WG. Die ersten eigenen regelmäßigen Einkäufe. Mehrmals wöchentlich. Das Aufkommen an Kleingeld ist hoch, jedoch nichts im Vergleich zu dem in Deutschland, denn die Niederländer runden alle Endbeträge auf 5 Cent auf oder ab. Man bezahlt also nie 9,98 € oder 10,02 €, sondern in beiden Fällen glatte 10 Euro.

Ich war so daran gewöhnt, keine 1- und 2-Cent-Münzen mehr mit mir herumschleppen zu müssen, dass ich sie an den Wochenenden, wenn ich in Deutschland war, nur noch als Last (im wahrsten Sinne des Wortes) empfand. Und da man in den Niederlanden extrem schief angeschaut wird, wenn man den Kassierern 1- und 2-Cent-Münzen auf den Tisch legt, begann ich irgendwann, diese Last einfach in Deutschland auf seinem Schreibtisch bei meinen Eltern liegen zu lassen. Mit der Zeit wuchs der Stapel, sodass ich irgendwann einen Würfelbecher zweckentfremdete und fleißig weitersammelte.

Anfang 2016 zog ich dann zurück nach Deutschland. Plötzlich war die 1- und 2-Cent-Flut viel größer als in Holland. Und auch, wenn meine Eltern die meisten Einkäufe übernahmen (verwöhnter Blag, ey!), wuchs die Sammlung schnell weiter. Und mit ihr die Frage, wozu das Geld eigentlich gut sein sollte. Dazu bekam ich als Supermarkt-Kassierer auch hin und wieder mal ein paar Cent Trinkgeld (z. B. wenn jemandem an das Kasse ein Glas Mirabellen runterfiel und ich den Siff aufwischen durfte). Und hin und wieder stand auch mal eine Pfandflasche rum, die ich einlösen konnte. Die Extra-Einnahmen landeten im Würfelbecher.

Dieses Treiben führte ich einfach weiter, als ich vor ziemlich genau einem Jahr ein zweites Mal bei meinen Eltern auszog. Und ich habe es bis heute beibehalten. So wandert das Pfand mit allen 1- und 2-Cent-Münzen direkt in die Spardose, die ich am Jahresende einzahle und spende.

Der Zweck der Spende war bei mir lange Zeit das Thema reichlicher Überlegungen. Im Februar zahlte ich das Geld, das ich bis Ende 2016 gesammelt hatte, erstmals ein. Es waren gut 120 Euro. Im Mai (ja, ich brauche Zeit für Entscheidungen :D) wanderte das Geld dann endlich weiter. Ich entschloss mich, indirekt auch etwas für mich selbst zu tun und wurde Mitglied beim LSVD. Und mit der Mitgliedskarte, brachte mir der Postbote auch ein Regenbogenarmband.

War ich am Anfang noch skeptisch, was ich damit anstellen sollte, trug ich es nach ein paar Wochen zum ersten Mal zu Hause und seitdem eigentlich immer, wenn ich alleine zu Hause bin. Es hat sich für mich schnell zu einem Zeichen meiner Identität entwickelt. Wenn ich nach Hause komme, führt der erste Weg meist zum Nachttisch: Armband um. Abends wird es dann wieder dort abgelegt. Und in der Zwischenzeit kommt es nur ab, wenn ich aus dem Haus gehe.

Wobei auch das sich in letzter Zeit nochmal geändert hat. Anfang Juni habe ich es zum ersten Mal “ausgeführt”. Ich habe meine Eltern besucht und dachte, das wär ein guter Ort, um mal ein Wochenende zu testen, wie ich mich damit außerhalb des eigenen Heims fühle. Ergebnis: Ganz gut. Schon ein wenig aufregend und mit Nachfragen der Eltern verbunden. Aber auch mit Anerkennung. Und Stolz.

Seit meinem Coming Out bei meinen Klassenkameraden Mitte Juni gehe ich nochmal mit etwas mehr LGBTQ+ Selbstbewusstsein durch die Gegend. Und ich experimentiere damit, das Armband auch mal außerhalb des Hauses zu tragen. Wenn ich zum Supermarkt oder auch zum Bäcker gehe und langärmlig unterwegs bin, bleibt es in letzter Zeit eigentlich immer um. Es gibt zwar immer noch diese Adrenalinschübe, wenn sich mein Pullover mal etwas nach oben schiebt und es sichtbar wird, aber je häufiger ich es umlasse, desto weniger fällt mir diese “Pulloververschiebung” auf. Das ist ein sehr gutes Zeichen!

Ich werde definitiv selbstbewusster im Umgang mit meiner Identität. Es ist ein work in progress, aber es wird. Dieses Armband hilft irgendwie dabei. Und es gibt immer wieder Situationen, in denen ich geneigt bin, es einfach mal in kleinen oder großen Gruppen zu tragen. Beim Jahresabschluss meines Enscheder Tischtennis-Clubs und Geburtstag einer Freundin war ich kurz davor. Auch bei der WG-Party eines meiner besten Freunde vor ein paar Wochen. Ich habe mich beide Male dagegen entschieden, weil es viele Gäste gab, die ich nicht kannte. Und auch heute habe ich es nicht zur Schule angezogen und werde es wohl auch in Zukunft nicht. Auch, wenn ich dort durchaus ein gewisses Standing habe und mein Outing (bei den 15 “alten” Klassenkameraden) gut aufgenommen wurde. Aber ich muss es weder den Neuen noch jedem Lehrer ins Gesicht drücken. Und das gleiche gilt für die Arbeit.

Ich kann mir aber sehr gut vorstellen, dass ich es demnächst auch bei Shopping-Touren in der Stadt oder meinen (*hust* seltener werdenden *hust*) Sparziergängen um den Block mal anlasse. Oder mit T-Shirt, wo es dann doch sehr auffällig wäre. Mit anderen Worten: Ich experimentiere ein bisschen mit meiner comfort zone und meinem Gefühl von Stolz, das mir der einigermaßen offene Umgang mit dem Thema bringt. Dass meine Verwandten (außer meine Eltern) und meine Münsteraner und Enscheder immer noch nichts davon wissen, ignoriere ich dabei dann einfach mal. Mal schauen, zu welchen Abenteuern mich das Armband noch so treibt. 🙂

Frage an euch: Seid ihr Teil der LGBTQ+ Community? Falls ja: Habt ihr einen Gegenstand, der euch als solchen “kennzeichnet” oder/und den ihr mit dem Thema verbindet? Und tragt ihr diesen immer bei euch?
Falls nein: Was haltet ihr davon, solche recht eindeutigen Zeichen in der Öffentlichkeit zu tragen? Erlebt ihr das als aufdringlich?

Als Queer Shoutout für diese Woche habe ich mir einen kurzen Animationsfilm ausgesucht. Wer mich kennt, wird sich jetzt erst mal die Augen reiben: “Film? Und dann auch noch Animation? Damian, bist du krank?”, denn ich bin normalerweise von keinem der beiden ein großer Fan. Aber – danke der Nachfrage – mir geht es gut. Ich bin kerngesund! Nein, dieser Film hat mich (und Millionen andere) umgehauen, weil er spielerisch und auf sehr realitätsnahe, aber dennoch sehr konstruktive Art die Liebe eines Jungen zu einem anderen darstellt und wie diese von seinem Crush aber auch von ihren Mitschülern aufgenommen wird. Der Film stammt von zwei Studenten des Ringling College in Sarasota, Florida, und wurde über Crowdfunding mitfinanziert. Also… without further ado: In A Heartbeat von Beth David und Esteban Bravo. Ein kleines, 4-minütiges Meisterwerk.

Wie immer gilt: Nächster #TMIishTuesday nächsten Dienstag um 20 Uhr. Fragen und Anregungen jeglicher Art, die in der Zwischenzeit aufkommen, unten die Kommentare oder auf Twitter. Nur zu – ich beiße nicht. 🙂

Until then: Stay mighty!

Linkage:
– Micha Schulze für queer.de: “In eigener Sache: Warum wir uns gegen eine einstweilige Verfügung von Jens Riewa wehren
– queer.de: “”Ich glaub’, man weiß es eigentlich”: […]
– Kayhan Özgenc für FOCUS Magazin (Nr. 46, 1998): “”Ich bin nicht schwul“”
– dowze auf YouTube: “Black People React
Homepage des Lesben- und Schwulenverbands
– Queer Shoutout: Beth David und Esteban Bravo: “In a Heartbeat – Animated Short Film

Mehr von mir:
– Letzter #TMIishTuesday: Trans in der Bundeswehr – das geht! – #TMIishTuesday #73
Alle #TMIishTuesdays
– Mehr #TMIishTuesdays zu persönlichen Themen
– Mehr #TMIishTuesdays zu LGBTQ+ Themen
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