Depression suckt (R.I.P. Chester Bennington) – #TMIishTuesday #72

Depression. Häufig wie keine andere psychische Erkrankung. Und doch so oft unterschätzt. Was man tun kann, wenn man sich schlecht fühlt. Welche Hilfe es gibt. Und wie man sich als Freund oder Familienmitglied gegenüber Depressiven verhalten sollte. Hier.

Hey there mighty people of the internet,

und willkommen zur 72. Ausgabe von #TMIishTuesday!

Kurzer persönlicher Blick auf die letzte Woche: Schöne Geburtstagsfeier am Wochenende; Ferien in NRW und Niedersachsen gleichzeitig. Macht unterm Strich viel weniger Arbeit als sonst. Also noch mehr Langeweile. Schade. Ansonsten business as usual. Ein Thema, das mich am Wochenende beschäftigt hat, ist auch heute indirekt Thema: Chester Bennington’s Tod.

// Letzte Woche habe ich die Rettungsgasse nochmal erklärt, weil gefühlt 99 % der Autofahrer sie im Stau nicht bilden. Was das für Unfallopfer, Rettungskräfte und auch diejenigen, die im Stau stehen, heißt, habe ich dort beleuchtet. Nachholen, um selbst auf dem aktuellen Stand bezüglich der Gasse zu sein! //

Diejenigen von euch, die mir auf Twitter folgen (Wer es noch nicht tut: What are you doing with your life!?), werden festgestellt haben, dass ich Donnerstagabend und Freitag sehr viel über eine Band und eine Person aus dieser Band im Besonderen getweetet habe: Über Linkin Park und deren Sänger Chester Bennington.

Chester Bennington wurde Freitagmorgen (Ortszeit) tot in seinem Haus in Kalifornien gefunden. Alles deutet darauf hin, dass er sich das Leben genommen hat. Die Frage, die sich aufdrängt ist: Warum? Was wurde von Medien nicht alles in den Raum geworfen: Drogen, Alkohol, sexueller Missbrauch als Kind, die schwere Kindheit generell – wir werden es wohl nie erfahren. Depressionen sind auch so eine Theorie.
Und es gibt noch eine Theorie, unabhängig von der Ursache, die tatsächlich sehr nahe liegt: Am Freitag, Chester’s Todestag, hätte sein guter Freund Chris Cornell Geburtstag gehabt. „Hätte“, denn der hat sich im Mai das Leben genommen. Der Verlust hat Bennington wohl sehr mitgenommen. Scheinbar hatte Chester seinen Suizid also schon einige Zeit geplant.

Die Band wollte in diesen Tagen ihre Tour beginnen. Das neue Album wird vermutlich wieder so einige Fans von den Socken hauen. Chesters angenehm rauchig-sanfte Stimme wird wohl zum letzten Mal darauf vertreten sein. Die Frage, wie es mit der Band weiter geht, ja OB es überhaupt weiter geht, wird vermutlich in nächster Zeit irgendwann beantwortet werden. Was feststeht ist, dass die äußerst markante Stimme Chesters fehlen wird. Zusammen mit Mike Shinoda, dem anderen Linkin Park-Sänger, prägte Chester maßgeblich das musikalische Erscheinungsbild der Band. So mancher Rap-Part wird nun wohl nicht mehr in dieser Form zu spielen sein.

Aber warum schreibe ich diesen Post über einen Musiker, der sich so früh (im Alter von 41 Jahren) dafür entschied, von der Welt zu verschwinden? Was möchte ich damit erreichen? Nun, im Wesentlichen eines: Awareness. Ich möchte in Erinnerung rufen, dass Depressionen – wodurch sie auch immer ausgelöst sein mögen – ein großes Problem sein können. Die Betonung liegt hierbei auf „können“. Denn wir entscheiden in gewisser Weise selbst, wie viel Einfluss wir ihnen geben.

Depressionen treffen viele Menschen. In Deutschland sind sie Volkskrankheit Nr. 1! 15 % bis 20 % der Deutschen gehen irgendwann in ihrem Leben durch eine depressive Phase. Ich habe im letzten Jahr einen Blogeintrag über meine persönliche Geschichte mit der Krankheit (denn ja, es ist eine Krankheit) geschrieben. Ich weiß, wie schwer der Weg aus der Depression sein kann.
Sich selbst einzugestehen, dass man nicht glücklich ist, ist ein großer Schritt. Aber da hört es nicht auf. Die Krankheit innerlich weg zu schieben, sie zu leugnen mag kurzfristig gesehen die einfachere Lösung sein. Aber auf Dauer wird man lethargischer und verschließt sich immer mehr. Wenn es soweit ist, sollte man spätestens merken, dass etwas nicht stimmt – und sich Hilfe suchen.

Das ist wohl der schwerste Schritt: Hilfe suchen. Denn dadurch gesteht man sich ein: Ja, das ist tatsächlich ein Problem. Trotzdem gilt: Reden ist die beste Therapie! Ob dieses erste „Ich fühle mich schlecht“-Gespräch mit jemandem ist, dem ihr vertraut – Freund oder Familie – oder jemand, den ihr nicht kennt – z. B. ein_e Berater_in oder ein Arzt/eine Ärztin oder eine Person im Internet, der ihr vertraut – ist erstmal nicht so wichtig. Hauptsache, ihr könnt euch sicher sein, dass euer Gegenüber eure Gefühle und euer Befinden nicht klein redet, sondern euch ernst nimmt. Mit all euren Gedanken – die manchmal auch wirr sein mögen und im ersten Moment abwegig erscheinen können.

Manchmal hat dieses Reden schon heilende Wirkung. Ihr könnt alles einmal raus lassen und es geht euch nicht nur in der Situation besser, sondern die depressive Stimmung wird auch generell langsam weniger.

Wahrscheinlicher ist allerdings, dass das zwar ein bisschen hilft, aber ihr trotzdem wieder in ein Loch fallt. Wenn das der Fall ist, solltet ihr euch professionelle Hilfe holen! Auch das ist ein Schritt, der wieder sehr viel Mut erfordert. Doch, wenn ihr wirklich raus wollt aus der Depression, ist er nötig!

Wie diese professionelle Hilfe nun genau aussieht, kann man individuell schauen. Das ist sicher auch ein bisschen davon abhängig, welche Art der Hilfe ihr in Anspruch nehmt. Wenn ihr jugendlich oder „junge Erwachsene“ (bis 27 Jahre) seid, bietet sich als erste Anlaufstelle eine Kinder- und Jugendberatungsstelle an. Diese gibt es in ganz unterschiedlichen Trägerschaften (kommunal, kirchlich, freie Träger, …). Unabhängig von der Trägerschaft werden die Berater_innen euch erstmal zuhören und dann zusammen mit euch überlegen, wie ihr am besten mit der Depression umgehen könnt, um letztlich die Gedanken, die euch quälen, los zu werden.

Ihr werdet eine_n feste_n Berater_in haben, die sich um euch kümmert. Wie oft ihr Termine habt, könnt ihr gemeinsam besprechen. Meist werden sie euch einen 2- bis 3-Wochen-Rhythmus vorschlagen – aber das kann auch individuell angepasst werden.

Solltet ihr euch entscheiden, erst einen Arzt aufzusuchen (z. B. Kinder- oder Hausarzt), wird der oder die euch vermutlich einen (Kinder-)Psychologen oder eine (Kinder-)Psychologin empfehlen. Nachteil hierbei: Bis ihr einen Termin bekommt, kann es eine Weile dauern, denn Psychologen haben fast immer eine Warteliste. Auf ein, zwei Monate Wartezeit sollte man sich mindestens einstellen. Hier wird vermutlich etwas mehr auf die psychische Komponente eingegangen werden. Also darauf, was euch depressiv macht und wie ihr am besten daran arbeiten könnt, dass die Depression möglichst wenig Einfluss auf euer Leben bekommt.

Manchmal kommt es auch vor, dass euch die Depression zu vermitteln versucht, dass es alles keinen Sinn mehr hat und ihr es Chester nachmachen solltet. Dieses Stadium des absoluten worst case wird meistens nicht von jetzt auf gleich eintreten. Bis solche Gedanken entstehen, dauert es ein gehöriges Weilchen. Damit das nicht passiert, solltet ihr euch frühzeitig Hilfe holen!

Sollten solche Gedanken allerdings doch die Überhand ergreifen und ihr solltet tatsächlich kurz davor stehen, eurem Leben ein Ende setzen zu wollen, begebt euch SOFORT in die nächste Psychiatrie-Ambulanz! Dort werden die Fachleute euch erst mal über Nacht aufnehmen (ggf. auch länger) und sich vorrangig darum kümmern, dass ihr euch nichts antut. Wenn ihr also hin und wieder mal Gedanken in die Richtung habt, googlet einfach mal nach Psychiatrie-Ambulanz und eurem Wohnort und schreibt euch die Adresse auf. So müsst ihr im Ernstfall nicht erst ruhigen Kopf bewahren und suchen, sondern wisst direkt, wo ihr nachschlagen müsst. #BetterSafeThanSorry

Schauen wir einmal auf mögliche Symptome einer Depression (danke an meine Gesundheitstheorie-Lehrerin, die meiner Klasse das im November beigebracht hat):
– Freudlosigkeit bzw. innere Leere (Kernsymptom)
– Antriebslosigkeit (Kernsymptom)
– Unzufriedenheit, Selbstzweifel, Gefühl der Wertlosigkeit
– In-sich-Gekehrtheit, Verschlossenheit (auch gegenüber der Gesellschaft)
– Panik-/Angstattacken
– Schlafstörungen und dadurch bedingt Müdigkeit
– Essstörungen
– Schmerzzustände
– zum Teil Gefühlschaos (bei manisch-Depressiven)
– geschwächtes Immunsystem
– häufig schubweiser Verlauf (gute Phase, schlechte Phase, dann wieder eine gute, etc.)

Nota bene: Man muss nicht alle Symptome haben, um depressiv zu sein. Damit die Diagnose Depression gestellt wird, muss eins der Kernsymptome vorliegen und zwei weitere. Das ganze muss seit mindestens zwei Wochen andauern.
Ihr merkt: Die Diagnose ist nicht immer so eindeutig. Ein Mensch, der antriebslos wirkt, muss noch keine Depression haben. Kann er aber. Daher wird ein Arzt immer vor Diagnosestellung eine Untersuchung durchführen, um andere Ursachen auszuschließen.

Zu guter Letzt möchte ich auch an die “Allies” denken. Was tun, wenn ihr glaubt, dass eure Freundin/euer Freund depressiv sein könnte (wieder mit freundlicher Unterstützung meiner Lehrerin):
Seid euch bewusst, dass die Depression eine Krankheit ist.
Nehmt die/den Betroffene_n also ernst.
Helft ihr/ihm, Hilfe zu finden.
Das fängt bei zuhören an – und endet in der zielführenden Suche nach Hilfe. Bestärkt die Person auch darin, Ruhe zu bewahren.
Selbst Geduld bewahren.
Aus einer Depression zu kommen, braucht Zeit. Sehr viel Zeit. Erwartet keine Wunderheilung von Jetzt auf Gleich. Und geht den Weg mit. Bietet Hilfe an, wo sie nötig sein könnte. Aber seid nicht böse, wenn die_derjenige sie ablehnt.
Hütet euch mit guten Ratschlägen.
Depressive denken, niemand verstünde sie. Wenn ihr also sagt: “Tu doch mal dies oder das! Und am besten vorgestern!”, ist das sehr kontraproduktiv. Stattdessen zeigt Verständnis und versucht aus der Ferne zu bewerten.
Überredet die/den Betroffene_n nicht dazu, wichtige Entscheidungen zu treffen.
Die Psyche der/des Depressiven ist sehr belastet. Entscheidungsdrang führt schnell zu Überforderung.
Achtet auf euch selbst.
Auch ihr solltet euch vor Überforderung schützen. Sonst werdet ihr womöglich noch selbst depressiv. Behaltet immer ein bisschen psychischen Abstand. Ihr könnt sowieso nicht alles retten. So traurig das ist.
Gesundheit retten!
Sollte die Person den Anschein machen, dass sie sich etwas antun könnte – nicht nur bei Lebensgefahr, sondern auch bei körperlicher Gewalt gegen sich selbst: Sprecht diese Person an! Zeigt ihr/ihm, dass sie/er euch am Herzen liegt.
Zwischen Aktivität und Ruhe wechseln.
Dauerhafte Aktivität eurerseits führt bei der/dem Betroffenen unter Umständen zu Panik; dauerhafte Ruhe zu Lethargie. Beides ist nicht gut für sie/ihn. Gebt ihr/ihm also ein Gefühl der Sicherheit. Checkt regelmäßig ein, um zu schauen, wie die Lage ist. Unterstützt die/den Betroffene_n beim Ausgleich zwischen Aktivität und Ruhe.

Langer Post – kurzer Sinn: Hört auf euren Körper – und scheut euch nicht, Hilfe zu suchen!
Ich verlinke euch unten mal ein paar nützliche Adressen, die ihr kontaktieren könnt, wenn ihr Probleme habt. Und selbstverständlich könnt ihr mir auch gerne auf Twitter schreiben. Ich bin zwar kein Experte, aber ich werde tun, was ich kann. 🙂

Und um nach diesem ernsten Post wieder die Kurve zum Lebenswerten zu kriegen:
Der Queer Shoutout für diese Woche ist gewissermaßen ein Blind-Date. Denn ich hab noch nicht durchgeguckt. Ich hab nur von der Idee gelesen und denke: Das ist cool! “Das” ist in diesem Fall eine Umfrage der Universitäten in Wien und Gießen zum Verhalten von LGBTQ+ Wählern. Vor den kommenden Wahlen in Deutschland (Bundestag am 24.09.) und Österreich (Nationalrat 15.10.) fragt die Studie, wie wir LGBTQ+ Leute so wählen. Die Umfrage zur BTW ist noch bis 15.08. online.

Wie immer gilt: Nächster #TMIishTuesday nächsten Dienstag um 20 Uhr. Fragen und Anregungen jeglicher Art, die in der Zwischenzeit aufkommen, unten die Kommentare oder auf Twitter. Nur zu – ich beiße nicht. 🙂

Until then: Stay mighty!

Linkage:
– Meine Depressionsgeschichte: De conditio tristitiae: Of being depressed – #mightyadvent #6 – #TMIishTuesday #39
– Queer Shoutout: LGBTIQ*-Wahlstudie der Unis in Wien und Gießen

Mehr von mir:
– Letzter #TMIishTuesday: Rettungsgassen retten Leben! – #TMIishTuesday #71
Alle #TMIishTuesdays
– Mehr sehr cooler Stuff (Twitter)
Noch mehr sehr cooler Stuff (WordPress)

Hier bekommt ihr professionelle Hilfe (#notsponsored):
– Bundeskonferenz für Erziehungsberatung e.V. (bke): Suche nach Jugendberatungsstellen in eurer Umgebung
– Caritas Online-Beratung
Online-Jugend-Beratung der bke
– Je nach Ort gibt es häufig noch diverse andere Träger. Am besten über die bke-Website suchen.

Wenn es wirklich dringend ist:
– “Psychiatrie Ambulanz” und Ort googlen und hin da!
– oder: Kummertelefon für Kinder und Jugendliche: 0800 1110 333
– oder: Telefonseelsorge: 0800 1110-111 oder -222

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