Ja, ich will! – #TMIishTuesday #69

Die Ehe für alle ist da. Endlich, sollte man meinen. Und während die Gegner den Untergang des christlichen Abendlandes herbeireden, wissen die Befürworter gar nicht mehr wohin mit alle der Freude. Aber: Es bleibt noch viel zu tun.

Hey there mighty people of the internet,

und willkommen zur 69. Ausgabe von #TMIishTuesday. Wenn ihr euch jetzt wundert: “Waren die Blogeinträge bisher nicht alle auf Englisch?”, so kann ich euch versichern: Ja, das waren sie und nein, ihr seht noch keine Gespenster (jedenfalls in diesem Fall). Unabhängig davon, ob ihr tatsächlich oder nur im übertragenen Sinne Gespenster seht: Wir fangen mal an.

Ist die Woche etwas spannendes passiert? Nun ja… Ich hatte die ganze Zeit frei, was extrem schön war – und die Ehe für Alle wurde beschlossen. Das muss reichen!

// Letzte Woche habe ich die Abschiebungen von Nürnberg und Duisburg von Anfang Juni unter die Lupe genommen und habe die Rechtmäßigkeit und Notwendigkeit von Abschiebungen generell diskutiert. Wer es noch nicht gelesen hat: Gerne nachholen. 🙂 //

Heute gibt es natürlich keine Frage, worum es gehen soll und ihr habt es am Titel vermutlich schon erkannt: Die Ehe für Alle.

Wer mir auf Twitter folgt, weiß, dass ich letzte Woche extrem viele Tweets verfasst habe – und so viel retweetet habe wie selten. Die Kontroversen über die Ehe für Alle, die die letzten Wochen geprägt haben, wurden zwar im Vorhinein schon etliche Male geführt. In der letzten Woche wurde aber jede Argumentations-Haar in der Diskussions-Suppe nochmal und nochmal beleuchtet. Jedem der bekannten Protagonisten – ob die nun Kauder, Spahn, Oppermann, Kahrs oder Beck hießen – wollte seine Meinung in der Zeitung stehen haben. Jeder der nicht so bekannten Protagonisten – ich zähle die anderen Redner im Bundestag jetzt nicht alle auf – wollte seine Version von Gerechtigkeit kundtun. Und jeder Blogger und “Gastautor” verbrachte die Zeit damit, auch seinen Sempf dazu zu tun (ja, ich schreibe Sempf mit m und p statt n).

Wenn doch schon jeder rausposaunt hat, was er denkt, wieso kaue ich das ganze nun nochmal durch? Erstens habe ich selten so sehr auf einen Tag hingefiebert, wie auf diesen. Zweitens messe ich dieser Entscheidung eines enorme Bedeutung zu. Nicht nur, weil es mich selbst betrifft, sondern weil ich hoffe, dass das ganze eine Signalwirkung hat. Ein bisschen so, wie die Wahl von Donald Trump im letzten November es hatte. Nur eben umgekehrt. Am Tag nach der US-Wahl wurden Minderheiten jeglicher Art (Ausländer, Hispanos, Homosexuelle, Transmenschen, People of Colour, …) bespuckt, beleidigt, geschlagen. Was ich mir von der Eheöffnung in Deutschland erhoffe, ist ganz einfach, dass “Anderssein” “normaler” wird.

Was ich damit meine? Minderheiten erfahren in Deutschland vielfach noch Diskriminierung. Ob die Minderheit nun in der sexuelle Orientierung, in Transidentität, religiöser Minderheit oder der Hautfarbe liegt. Jeder, der Teil einer solchen Minderheit ist, wird vermutlich einfühlen können, wenn ich sage: Es ist nicht schön, dauernd mit einer gewissen Angst durchs Leben zu gehen. Weil du einfach nicht weißt, wer da vor dir steht und wie er/sie denkt. Es ist nicht schön, einen Ausdruck deiner Identität als Schimpfwort zu hören (schwul, Transe, Nigger, um nur einige zu nennen).

Um auf die Ehe für Alle zurück zu kommen: Die rechtliche Gleichstellung wurde ja über die Jahre durch das Bundesverfassungsgericht angeordnet. Trotzdem gibt es nach wie vor in der Gesellschaft noch diverse Vorurteile gegen Homosexuelle. Wie tief solche Vorurteile noch sitzen, zeigt u. a. der Blogpost von Read on my Dear. Und selbst im Multi-Kulti von Berlin, wo alles so aufgeschlossen scheint, gibt es Homophobie. Und zwar nicht zu knapp. Die Berliner Polizei ist deutschlandweit die einzige, die auch Statistik darüber führt, ob ggf. ein homophober Hintergrund für Straftaten vorliegen könnte. Ihre Zahlen halten deutlich fest, dass homophobe Gewalt ein nicht zu unterschätzendes Thema ist. In anderen Städten dürfte es nicht anders aussehen.

Dass Homosexualität immer noch nicht ganz selbstverständlich ist, hat mir auch meine Klasse gezeigt. Als hier in Osnabrück Ende Mai ein schwules Pärchen aus einer Bar geworfen wurde, weil es sich geküsst hat, postete ich den Link zum Zeitungsartikel auf Facebook – verbunden mit der Frage, ob jemand wüsste, um welche Bar es sich handele (diese war im Artikel nicht erwähnt). Dieser Post schürte dann Gerüchte, ob ich denn schwul sei. Nachdem ich das ganze Thema ein wenig mit mir rumgetragen hatte, beschloss ich also, es publik zu machen. Die Reaktionen, die dieses Coming Out auslöste, zeigten nochmal, dass unsere Gesellschaft Homosexualität noch nicht als normal ansieht.

Ich habe ausnahmslos positive Reaktionen bekommen. Sehr viele davon waren gepaart mit dem Ausdruck von Respekt und Bewunderung, dass ich mich das getraut hätte. Das spricht für mich Bände. Natürlich habe ich mich sehr über die Anerkennung gefreut und bin dankbar, dass ich aufgrund meiner sexuellen Identität bis heute noch keine negative Erfahrung im Real Life gemacht habe. Aber gleichzeitig gibt es diesen Beigeschmack. Diesen Beigeschmack von: Das ist nicht normal. Und gerade das ist es, was mich zögern lässt, meinen anderen Freunden zu erzählen, dass ich auf Jungs stehe. Gerade das ist es, was mich mein Regenbogen-Armband abnehmen lässt, bevor ich zum Bäcker gehe. Gerade das ist es, was mich in jeder Situation, in der “Unwissende” beteiligt sind, zittern lässt, ob die “Wissenden” – das schließt mich selbst ein – geschickt genug um gefährliche Fragen, wie die nach einer festen Beziehung, herum manövrieren können.

Aber zurück zum Ursprungsthema: Warum messe ich dem Thema so eine Bedeutung zu? Nun, die Ehe für alle ist nicht nur der Beschluss, dass Homosexuelle jetzt auch Kinder adoptieren dürfen. Es ist auch der Beschluss, dass der Begriff der “Ehe” nicht auf eine Partnerschaft von Frau und Mann begrenzt ist. Und es ist letztlich auch der Beschluss, der in der vorherigen Diskussion – nicht nur im Bundestag, sondern gerade auch in den sozialen Medien – ganz deutlich gemacht hat, wie altbacken so manch einer doch noch denkt. Sinnbild dafür: Diese Karikatur, die bereits 2015 in der Jungen Freiheit erschienen ist. Diese Karikatur stellt überspitzt die Vorstellungen dar, die so manch einer in der AfD – und in Teilen der CDU/CSU – anscheinend immer noch hat. Dass eine gleichgeschlechtliche Eheöffnung sofort Tür und Tor für Zoophilie öffnet, ist ebenso absurd wie die Panik, dass Deutschland nun die Vielehe legalisieren könnte oder gar Gegenstände geheiratet werden könnten. Man muss vermuten, dass die Vertreter solcher Ängste nur die Überschrift “Ehe für Alle”, die zugegebenermaßen etwas trügerisch ist, gelesen und falsche Schlussfolgerungen gezogen haben.

Ich hoffe also, dass das Gesetz, das vermutlich kommenden Freitag im Bundesrat beschlossen wird, auch jenen, die solche Ansätze vertreten, vor Augen führt, dass sich nichts ändert (siehe dazu auch den schönen Twitter-Post der heute-show). Endresultat sollte also eine Situation sein, in der es keine Rolle spielt, ob es sich um ein homosexuelles oder ein heterosexuelles Pärchen handelt. In der man ungestört über den Marktplatz jeder deutschen Stadt laufen kann, ohne von der Seite blöde Blicke zu kriegen oder gar zusammengeschlagen zu werden.

Und so schön die Angleichung der rechtlichen Rahmenbedingungen auch ist: Es gibt noch einiges zu tun. Die genaue Umsetzung der gleichgeschlechtlichen Ehe ist noch offen. Wie läuft die Umwandlung von Lebenspartnerschaft in Ehe genau ab? Wie die Adoption? Wann gibt es entsprechende neue Formulare (u. a. auch bei Arbeitgebern, sodass Homosexuelle nicht mehr “verpartnert”, sondern verheiratet eintragen können)? Und so weiter, und so weiter.

Dazu bleibt natürlich die Ungleichbehandlung in anderen Ländern. In Österreich scheint die deutsche Diskussion auch gerade frischen Wind in die Bemühungen der LGBTQ-Community bei unseren Nachbarn gegeben zu haben. Und in vielen Ländern der Welt werden LGBTQs noch immer verfolgt. Auch dagegen sollten wir uns einsetzen.

Aber auch in Deutschland gibt es noch Arbeit: Transidente und intersexuelle Menschen, z. B. sind noch erheblichen Nachteilen ausgesetzt. Ebenso genderqueere bzw. gender-non-konforme Personen. All dies sollten wir anpacken.

Ein erster Schritt ist mit der gleichgeschlechtlichen Ehe getan. Machen wir weiter!

Bevor wir zum Queeren Shoutout kommen, sagt mir, was ihr davon haltet?
1. Seid ihr froh, dass es die Ehe für alle gibt? Falls es euch betrifft: Wollt ihr jetzt heiraten?
2. Was muss sich sonst noch an den Rechten für Minderheiten ändern?

Queer Shoutout?
Raphael Zinsers Beitrag zur Diskussion über die Ehe für Alle in Maybrit Illners Talkshow: Scheidungsgrund Ehe für alle – das Ende Großen Koalition? Sohn eines schwulen Paares, Schüler,16 Jahre, seit neuestem CDU-Mitglied. Wie der junge Mann da aus purem Wissen heraus, aber auch aus Überzeugung, Michael Kretschmer (CDU) und insbesondere Hedwig von Beverfoerde von der “Demo für Alle” geradezu zerlegt, verdient Respekt! (Und es zeigt die doch recht erbärmliche Argumentation der beiden…)

Wie immer: Nächster #TMIishTuesday nächsten Dienstag um 20 Uhr. Fragen jeglicher Art, die in der Zwischenzeit aufkommen, unten die Kommentare oder auf Twitter. Nur zu – ich beiße nicht. 🙂

Until then: Stay mighty!

Linkage:
#TMIishTuesday #46 – The Trumpet – But Why?
– Read on my Dear: Herr Müller kommt nicht mehr zurück
– Klaas-Wilhelm Brandenburg für RBB-online.de: Gewalttaten in Berlin nehmen zu: Homo- und transfeindliche Straftaten erreichen neuen Rekord
– Junge Freiheit: Karikatur der Woche 25/15
Post der @heuteshow auf Twitter
– Queer Shoutout: Maybrit Illner: Scheidungsgrund: Ehe für alle – das Ende der Großen Koalition?

Mehr von mir:
– Letzter #TMIishTuesday: Deportations of Refugees – #TMIishTuesday #68
Alle #TMIishTuesdays
– Mehr #TMIishTuesdays zu politischen Themen
– Mehr #TMIishTuesdays zu LGBTQ+ Themen
– Mehr sehr cooler Stuff (Twitter)
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